MAURICE SUMMEN interviews LUCIAN BUSSE

Interview MAURICE SUMMEN mit LUCIAN BUSSE

Worum geht es in deinem Film, Berlinized?

Es geht um die 90er Jahre. Um die Zeit damals, um das Lebensgefühl, das habe ich anhand meines Archivmaterials, das ich damals gefilmt habe und neuen Interviews reflektiert. Berlin zwischen den Zeiten, das zurückgedreht werden zur Normalität, kann man so sagen. Davor war die Zeit der Mauer, eine sehr außergewöhnliche Situation für die Stadt, weltweit total einzigartig. Und dann war der Osten offen, und es gab eine neue Qualität der Zeit, des totalen Kontrollverlusts der Autoritäten im Ostteil.

Wann bist du nach Berlin gekommen, warst du schon vor dem Mauerfall da?

Ich kam wunderbarerweise 1986 nach Berlin und habe das Westberlin vor dem Mauerfall noch richtig mitbekommen. Ich habe somit zwei Dekaden dieser Stadt miterlebt und auch mitgestaltet, kann man sagen.

Du bist ja als Alien TV damals filmend durch die Stadt gegeistert, warum hast du das gemacht, die Kameras waren ja damals ein bisschen schwerer als heute?

Überall wo ich war, habe ich auch gefilmt, weil ich immer Bilder brauchte für meine Video Show Alien TV, die sich videokünstlerisch verarbeiten ließen. Ich habe die Dinge aus einem abstrakten, dokumentarisch-künstlerischen Blickwinkel betrachtet. Und dadurch habe ich Jahr für Jahr meine Umgebung in Berlin Mitte gefilmt, also auch einen Ausschnitt der Berliner Geschichte. Die Baustellen, wie sich alles verändert hat. Und Aktionen, die um mich herum passiert sind.

Das Material, das wir im Film sehen, macht aber schon den Eindruck, dass es sehr dokumentarisch gedacht ist und eher nicht so, als hättest du einen Kunstfilm gedreht. Und da stellt sich die Frage, hast du damals schon gedacht, dass es in so einem Film wie Berlinized landen würde?

Da ich die Kamera immer dabei hatte, wegen Alien TV, gab es halt auch die anderen Situationen, die ich dann eher dokumentarisch festgehalten habe. Das waren zum Teil so wahnsinnige tolle Momente, dass ich dachte: Bleib drauf, bleib drauf, das ist Wahnsinn, das muss festgehalten werden. Und dann habe ich die Tapes in eine Kiste geworfen, und dachte mir damals schon, das wird irgendwann mal ein Film, damit machst du irgendwann mal was. Also der Plan war damals schon da, ja.

Wann hast du angefangen das Archivmaterial auszuwählen? Was war der Impuls, als du dir gedacht hast: Jetzt ist die Zeit gekommen, dass ich ins Archiv muss, um diesen Film zu machen? 

Ich wollte ein Video für Protagonisten von damals - zwei Tänzerinnen – raussuchen, ich hatte diese Performance damals als einen besonders magischen Moment in Erinnerung. Und als ich es dann gesehen hatte, habe ich festgestellt: Es war wirklich ein magischer Moment, der ist im Material immer noch spürbar, da ist eine bestimmte Zeitlosigkeit da. Und da dachte ich: Mensch, womöglich ist der Rest meines Archivs auch genau so besonders, wie ich es in Erinnerung habe. Ich sollte das tatsächlich mal angehen.

Dann musstest du dich ja wieder auf die Suche machen, bzw. den Kontakt zu den Protagonisten von damals wieder herstellen. War der Kontakt zu den Leuten eh noch vorhanden, oder war das wie eine Recherchearbeit für dich?

Zum Teil, also die Honey Suckle Company, da musste ich mir wieder über zwei Ecken die Nummern geben lassen. Aber bei Patrick Zollinger von Radio Berlin zum Beispiel, da hatte ich eine alte Nummer, die habe ich angerufen und er hat gesagt: He Lucian! Das war ungeheuerlich nach all den Jahren. Das freut einen dann, dass solche Kontakte nie abreissen.

War das Interesse bei allen da?

Bei allen, ja. Ich habe ihnen dann von meinem Anliegen und meinem Plan am Telefon erzählt und alle sagten gleich: Oh wow, ja dazu habe ich Lust, komm vorbei.

Du hast mir mal erzählt, du bist nicht unbedingt mit der Idee hier hergekommen, um als Kameramann zu arbeiten. Heute arbeitest du als Cutter, Kameramann, Filmemacher. Mit welcher Idee bist du damals nach Berlin gekommen?

Ich habe in Berlin entdeckt, dass man hier einfach „sein“ kann, als ich das erste Mal herkam. Das entsprach meinem Lebensgefühl. Alles andere lässt mich untergehen. Also, wenn ich nicht so sein kann, wie es meine Kreativität fordert. In Berlin war klar, dass es genügend Raum und Zeit gibt, um den Weg zu finden, meine Kreativität ausleben zu können.

Was vermisst du von damals? Hat dich die Produktion des Films sentimental gemacht?

Nein, das wäre ja so, als wenn man seine Jugend vermisst. Das ist nicht der Fall. Ich bin da sehr gegenwärtig. Jetzt habe ich zum Beispiel die Möglichkeit, so einen Film zu machen, die hätte ich damals gar nicht gehabt. Damals konnte man sich zwar schön austoben, aber meine Möglichkeiten sind mittlerweile sowohl technisch als auch von den Netzwerken her, die sich in all den Jahren aufgebaut haben, viel besser. Ich bin weitergegangen.

Was ich vielleicht vermisse, ist dieser allgemeine Spaß, den man damals am Machen hatte, der ist heute ein bisschen ernsthafter geworden. Wegen den Gegebenheiten, es gibt weniger Spielraum, Kunst darf nicht mehr so frei und zwecklos sein. Aber ich glaube, dass das auch wieder kommt. Weil, im Prinzip ist das doch der Geist von Berlin. Der lässt sich nicht aufräumen und ich denke, dass das die nächste Generation wieder ausbuddeln und neu leben wird.

Der offizielle Slogan der Stadt heißt ja „be Berlin“, könnte man deinen Film als Beitrag dazu sehen?

Ja, kann man so sagen. Meine Mission mit dem Film ist, den Leuten zu zeigen, was hier zwischenzeitlich passiert ist. Die Leute kommen hier her und empfinden die Stadt oder sich selbst darin als besonders ausgeflippt, aber viele wissen nicht, worauf das aufbaut.

Dezember Screenings im Lichtblick Kino Berlin

Berlinized im Lichtblick Kino Berlin

01.12. um 18:30 Filmgespräch mit Lucian Busse
02.12. um 18:30
15.12. um 22:00
16.12. um 22:00
29.12. um 16:00 Filmgespräch mit Lucian Busse
30.12. um 16:00

Kastanienallee 77
10437 Berlin, Germany

Das Kino hat 36 Plätze, es macht bestimmt Sinn
per Mail oder Telefon Karten zu reservieren.
030/44058179 info@lichtblick-kino.org

www.facebook.com/lichtblickkino

 

Freshmilk.tv über BERLINIZED

Freshmilk TV about Berlinized: Sexy an Eis

Freshmilk TV – Daniela Zenone and Judith Klapper about Lucian Busse and Berlinized

Berlinized beim Goethe Institut Washington DC 10.09.2012

Filmreihe im Goethe Institut Washington DC

Berlin: die Stadt der Neuerfindung

10. September 2012 – 05. November 2012
Goethe-Institut Washington, GoetheForum

Hauptstadt von Kaiserreich und Republik, Machtzentrum der Nationalsozialisten und der Nachkriegsregime, und heute Hauptstadt eines wiedervereinten demokratischen Staates: Berlin hat viele historische Veränderungen durchgemacht.  Diese Dokumentarfilme und Features über Berlin im vergangenen Jahrhundert zeigen, wie sich Werte verändern, und die Stadt sich immer wieder neu erfunden hat.Ergänzt wird die Reihe durch einen Abend mit zwei Filmen, die sich mit Gentrifizierung und Veränderungen in der Stadtlandschaft von Washington DC befassen. In Zusammenarbeit mit dem „Our City Film Festival“.

Montag, 10. September, 18:30 Uhr
BERLINIZED – SEXY AN EIS

Filmemacher Lucian Busse wird für eine Diskussion anwesend sein.

Berlin: die Stadt der Neuerfindung

 $7/$4 + 1 202 2891200

info@washington.goethe.org

Berlinized International Seoul

Berlinized Platoon Seoul

Platoon

ROOFTOP NIGHT

DISCOVER CREATIVE CITIES: BERLIN

VOLUME 1

PLATOON KUNSTHALLE – SEOUL

gangnam-gu . nonhyeon-dong 97-22
seoul . republic of korea

Sat 1 SEPTEMBER 2012 8pm

experience the energy of Berlin on the rooftop of PLATOON KUNSTHALLE on the first saturday of september. the premier ROOFTOP NIGHT of our discover creative cities silent cinema series will launch with the city of Berlin as the main star.

immediately following our night flea market, head on up to our rooftop to enjoy Northern German-style barbeque and customized berliner weisse cocktails, limited-edition hefeweizen, and thirst-quenching radlers, created exclusively by MAGPIE BREWING CO, in collaboration with guest mixologists for one night only.

a special silent cinema screening of BERLINIZED, a documentary by LUCIAN BUSSE, illustrates the dynamic cityscape of 1990s Berlin. SILENT DISCO on the rooftop follows, headlined by DJ AKIYUKI TANNO and TOBIAS KALLEDER from the visual art collective, Indivisualists.inc.

DETAILS:

8:00 – 9:00 pm – happy hour
9:00 pm – silent cinema screening of BERLINIZED-SEXY an EIS
10:30 pm – silent disco with DJ AKIYUKI TANNO and TOBIAS KALLEDER from the visual art collective Indivisualists.inc.

more information: Platoon Seoul

Intro 06-2012 über BERLINIZED

Berlinized_Intro_Ausgabe 6_2012

Der böse Drink weckt alle Kellergeister, Julian Weber in der TAZ über Berlinized

Der böse Drink weckt alle Kellergeister, Julian Weber in der TAZ über Berlinized 21.04.2012

http://www.taz.de/1/berlin/tazplan-kultur/artikel/?dig=2012%2F04%2F21%2Fa0235&cHash=c0265baf99

DOKUMENTARFILM “Berlinized. Sexy an Eis” von Lucian Busse ist ein lakonisches Porträt der Subkultur im Mitte der neunziger Jahre. Orte wie die “Galerie berlin tokyo”, Bands wie Mina und Künstler wie die Honeysuckle Company kommen darin zum Vorschein

VON JULIAN WEBER

Ein Jahr habe er gar kein Tageslicht gesehen, sagt Kim Suckle, Teil der Künstlergruppe Honeysuckle Company in dem Dokumentarfilm “Berlinized. Sexy an Eis”. Dunkelheit und künstliches Licht als Lebensgefühl haben die Kreativität in den Galerien und Clubs im Mitte-Berlin der neunziger Jahre beflügelt. Schon bevor man in die Stadt gezogen war, hatte man von den Orten, Künstlern und Bands gehört. Die Begeisterung hielt an, als man sie mit eigenen Augen sah. Lucian Busses Dokumentarfilm legt vom Selbstverständnis dieser Szene lakonisch Zeugnis ab und weckt Erinnerungen. Honeysuckle Company richteten etwa gefakte Modenschauen aus, mit Altkleidern und humpelnden Manneqins, von Modedesignern waren ihre Entwürfe zuvor abgelehnt worden. Sie waren Teil einer Subkulturszene, deren Rastlosigkeit Legende ist. In der es egal war, ob Leute aus Ost oder West stammten. Wie Honeysuckle Company erfanden sich auch andere KünstlerInnen, etwa Jim Avignon, oder Bands wie Mina und Captain Spacesex nach dem Prinzip des d-i-y in aller Öffentlichkeit. Zwischen “Suicide Club”, “Galerie berlintokyo” und “Eimer” organisierte man Ausstellungen und Performances, richtete Konzerte aus und nutzte die damals noch klaffenden städtebaulichen Freiräume für eine stark improvisierte Version von Subkultur.

Kunst und Pop sollten stärker vermischt werden, ein Vorhaben, an dem die Beteiligten auch scheiterten, wie Nina Rhode erklärt, die neben der Honey Suckle Company an der “Galerie berlin tokyo” beteiligt war. Manche Kunstwerke überlebten die Nächte nicht. “Wir hatten eine strikte Türpolitik”, erklärt der Musiker und Betreiber der Galerie berlintokyo, Vredeber Albrecht, “alle kommen rein”.

Lucian Busse hat mit “Berlinized. Sexy an Eis” die richtigen Bilder gefunden. Ein längst versunkenes Berlin aus Sperrmüllmöbeln und Spielzeuginstrumenten wird darin wieder sichtbar. Wer sich wundert, weshalb das Neunziger-Jahre-Revival bisher ausfiel, findet in seinem Film Anhaltspunkte.

Keine Nachhaltigkeit

Das Mitte-Berlin von einst erscheint als so stark der Gegenwart verpflichtet, dass für Nachhaltigkeit keine Zeit blieb. In die Zukunft zu schauen, sei aus Prinzip uncool gewesen, erklärt der Regisseur der taz. Das fände er besser als die Angst vor der Zukunft, mit der die Menschen heute in Schach gehalten würden. Allerdings, sein Film macht auch klar, vieles, was die Beteiligten später machten, ließ die chaotische Energie der Anfangstage vermissen.

“Berlinized” verwendet klassische Stilmittel des Dokumentarfilms. Die Protagonisten erläutern ihre Raison d’être von heute aus. Vor Originalschauplätzen, wie etwa der Bar “Kunst & Technik”, einer Baracke, die bis 1999 gegenüber der Museumsinsel stand, erklärt ihr Gründer Hannes Romberg (Jan Edler korrektur), wie eine lautstarke Performance des Technokünstlers Carsten Nicolai 1994 die Rattenplage im Gebäude von selbst erledigt hat. Heute befindet sich an gleicher Stelle übrigens eine poshe Strandbar.

Zwischen die Interviews werden Aufnahmen aus den Neunzigern und alte Fotos montiert. Lucian Busse war selbst Teil der Mitte-Szene und tingelte mit der Videoshow “Alien TV” durch die Clubs. “Wie ein Alien, der zeigt, was die Erdenbürger unbedingt sehen müssen”, sagt er über seine Videoshow. Schon damals habe er ständig “die Gegenwart durch die Kamera ziehen lassen”. Viele Aufnahmen sind halbdunkel, entsprechen dem fahlen Licht der Straßenlaternen und graugewordenen Fassaden. Drinnen in den Clubs zuckende Blitze, Dreck, aber Euphorie. Man sieht eine Stadt im Umbruch, mit Großbaustellen, Kränen und Kabeltrommeln, dazwischen tanzende Künstler in Baugruben. Ein Durcheinander der Stile und Ambientes. Ein Umnutzen von Orten, ein Ändern des Tagesablaufs: Als befänden sie sich auf der Konzertbühne, spielen Captain Space Sex, ein Drummer und ein Gitarrist, auf einem Hausdach neben der S-Bahn-Strecke am Alex. In silberfarbenen Overalls lassen sie den Nahverkehr an sich vorbeigleiten. Die Sonne scheint. “Sexy an Eis” hieß der Hausdrink in der “Galerie berlin tokyo”, der in einem Kannister reifte. Seine Mischung ist bis heute geheim.

 

“Berlinized. Sexy an Eis”, Regie: Lucian Busse, Deutschland 2011, 84 Min.

Premiere, heute um 19.00 Uhr beim Festival “Achtung Berlin” Babylon Mitte. Ab 21.00 Uhr Konzert von Mina im HBC,

ab 28. April läuft der Film im ACUD Kino, ab 6. Mai im Sputnik

In die Zukunft zu schauen war ein No No der Subkultur-Szene. Die Gegenwart überstrahlte alles